Hitzeschutz für pflegebedürftige Menschen: Worauf Angehörige an heißen Tagen achten sollten

An grauen Tagen wünschen wir uns nichts sehnlicher als den Sommer. Nun ist er da, aber mit solcher Energie, dass es gefährlich werden kann. Gerade für Menschen mit Pflegebedarf kann die Hitze lebensbedrohlich sein. „Sie bringen mehrere Risikofaktoren mit sich wie hohes Alter, Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen, chronische Krankheiten, eingeschränkte Mobilität oder sie nehmen Medikamente, die den Flüssigkeitshaushalt oder die Wärmeregulation beeinflussen“, erläutert Dr. Julia Hellmann, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Umweltgesundheit und Klimawandel am LMU Klinikum München sowie Leiterin des Standorts München der Agentur ecolo. 

 

Welche Risiken entstehen für pflegebedürftige Menschen bei Hitze?

Der Körper von älteren Menschen kann sich schlechter an hohe Temperaturen anpassen als der junger, gesunder Menschen. Mit dem Alter lässt die Leistungsfähigkeit von Herz und Blutgefäßen nach, es wird weniger Blut zur Haut transportiert und der Körper schwitzt weniger. Schwitzen aber ist ein wichtiger Mechanismus, um Wärme abzugeben und die Körpertemperatur zu regulieren. „Hitze kann zu Kreislaufproblemen, Dehydrierung, Verwirrtheit, Erschöpfung und Stürzen führen und bestehende Erkrankungen verschlechtern“, erklärt die Expertin. 

Besonders kritisch sei es, dass die Betroffenen die Warnsignale oft nicht wahrnehmen oder nicht selbst gegensteuern können. Bei vielen älteren Menschen nimmt das Durstgefühl ab. Bei kognitiven Erkrankungen wie Demenz vergessen menschen schlichtweg das Trinken, auch wenn der Körper entsprechende Signale zeigt.

 

Wann wird es gefährlich?

Expertin Hellmann hält sich zurück, eine bestimmte Gradzahl zu nennen. „Gefährlich wird es nicht erst bei extremen Temperaturen“, sagt sie. Auch einzelne heiße Tage beeinflussen die Gesundheit und können das Sterberisiko erhöhen. „Das ist dann der Fall, wenn nachts keine Abkühlung mehr eintritt“, so Hellmann. Ab dem dritten Hitzetag in Folge steige das gesundheitliche Risiko noch einmal deutlich an. 

 

Hitzeschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Hitze beeinträchtigt nicht nur einzelne Personen, sondern sie ist eine Belastung für die Gesellschaft. Das zeigen die vollen Krankenhäuser und Arztpraxen derzeit, weil viele Menschen benötigen medizinische Versorgung. Laut einer Analyse des Robert Koch-Instituts kam es allein in der Hitzeperiode Ende Juni zu mehr als 4300 hitzebedingten Todesfällen. Fachleute drängen auf umfassende Maßnamen zum Hitzeschutz, gerade auch in Pflegeeinrichtungen. Eine kanadische Studie zeigte beispielsweise, dass Einrichtungen mit Klimaanlage an extrem heißen Tagen weniger Todesfälle verzeichneten als Heime ohne Klimaanlage. 

Julia Hellmann stellt klar: „Klimaanlagen können in bestimmten Situationen sehr wichtig sein, vor allem bei Hitzewellen, in schlecht gedämmten Gebäuden oder für besonders gefährdete Bewohnerinnen und Bewohner. Aber es müssen klimafreundliche Lösungen sein.“ Eine Klimaanlage allein sei nicht die Lösung, sondern es brauche ein Gesamtkonzept und eine „Hitzekompetenz“ aller Beteiligten. 

 

Hitzeschutz: Welche Warnsignale pflegende Angehörige kennen sollten

Um in Pflegeeinrichtungen die passenden Maßnahmen umzusetzen, sind Hitzeschutzpläne eine gute Strategie. „Es braucht eine Einbindung aller Mitarbeitenden und eine individuelle Anpassung der Maßnahmen“, sagt Julia Hellmann. Was im Pflegeheim ein ganzes Team aus Pflege- und Betreuungskräften und Hauswirtschaft übernimmt, liegt zu Hause oft den Angehörigen. Deshalb lohnt es sich, die Gefahren zu kennen und ein paar feste Routinen für heiße Tage zu haben. 

Hitzebedingte Beschwerden werden bei älteren Menschen häufig übersehen. Auf diese Warnsignale sollten Sie achten:

  • Kopfschmerzen

  • Schwindel

  • Ungewohnte Erschöpfung oder Schwäche

  • Trockenen Mund, auffallend dunkler Urin oder seltenes Wasser lassen

  • Verwirrtheit und Unruhe

  • Übelkeit, Muskelkrämpfe

 

Wenn Sie diese Anzeichen erkennen, lässt sich meist mit Ruhe, kühler Umgebung ausreichend Flüssigkeit gegensteuern. Bei Verdacht auf einen Hitzschlag – hohe Körpertemperatur, heiße Haut und starke Bewusstseinstrübung – zählt jede Minute und sie sollten unter 112 den Rettungsdienst anrufen. Das gilt auch, wenn die sich die hitzebedingten Beschwerden nicht bessern.

 

Zu Hause vor Hitze schützen: 7 Tipps für pflegende Angehörige 

  1. Die Wohnung kühl halten: Verrschatten Sie Fenster tagsüber, besonders bei Süd- und Westausrichtung, und lüften Sie nachts beziehungsweise früh morgens, wenn es am kühlsten ist. Ein einfaches Thermometer hilft, die Raumtemperatur im Blick zu behalten. Ein Ventilator kann für ein angenehmeres Gefühl sorgen. Achten Sie aber darauf, dass Ihr Angehöriger nicht direkt im Luftzug sitzt, und bedenken Sie, dass Ventilatoren ab einer gewissen Temperatur und bei hoher Luftfeuchtigkeit kaum noch kühlen und auch die Austrocknung verstärken können.

  2. Ausreichend trinken: Bieten Sie über den Tag verteilt kleine Mengen an. Feste Trinkrituale helfen, etwa ein Glas Wasser zum Frühstück, eines zum Nachmittagskaffee. Machen Sie Getränke attraktiv – mit Minze, Zitronenscheiben, Eiswürfeln aus Saft oder als selbst gemachte alkoholfreie Bowle. Stellen Sie das Getränk sichtbar in Reichweite und erinnern regelmäßig ans Trinken.

  3. Auf eine wasserreiche, leicht verdauliche Ernährung achten: Ein Teil des Flüssigkeitsbedarfs lässt sich über die Nahrung decken. Wasserreiches Obst und Gemüse wie Melone oder Gurke, kalte Suppen und leichte Gerichte sind an heißen Tagen besser verträglich als deftige Kost. Isst Ihr Angehöriger ohnehin wenig, ist es umso wichtiger, dass er mehr trinkt.

  4. Medikamente überprüfen: Hitze kann beeinflussen, wie Medikamente wirken. Manche Arzneien vermindern das Schwitzen oder die Wärmeregulation, andere fördern den Elektrolytverlust (etwa Entwässerungstabletten/Diuretika) oder verengen die Gefäße. Sprechen Sie insbesondere bei Herz-, Nieren- oder Blutdruckmedikamenten mit dem behandelnden Arzt oder Ärztin oder der Apotheke, ob während einer Hitzewelle eine Anpassung nötig ist. 

  5. Die Körpertemperatur regulieren: Feuchte Tücher auf Nacken, Armen oder Stirn, ein lauwarmes Fußbad oder eine erfrischende Dusche helfen, die Körpertemperatur zu senken. Auch Pulskühler oder kühlende Bein- und Armwickel sind beliebt. Leichte, luftige Kleidung und ein dünnes Laken statt Bettdecke unterstützen zusätzlich.

  6. Mittagshitze meiden: Versuchen Sie direkte Sonneneinstrahlung zu vermeiden. Ein Sonnenhut, Sonnencreme und ein schattiger Sitzplatz schützen den Körper. Verlegen Sie Spaziergänge oder Aktivitäten im Freien in die kühleren Morgen- oder Abendstunden.

  7. Informieren Sie sich: Der Deutsche Wetterdienst gibt Hitzewarnungen heraus, meist einen Tag im Voraus. So können Sie sich rechtzeitig auf einen Hitzetag einstellen, statt erst zu reagieren, wenn es schon unangenehm heiß ist. Hier finden Sie die Wetterwarnungen: www.dwd.de

 

Hitzeschutz: Auch ein Thema für Pflegende 

Beziehen Sie an heißen Tagen bewusst weitere Personen in die Betreuung und Pflege Ihres Angehörigen ein: Nachbarn, den Pflegedienst, Ehrenamtliche oder andere Familienmitglieder. Ein kurzer Anruf mit der Erinnerung „Hast du schon getrunken?“ kann viel bewirken. Wenn Sie selbst nicht regelmäßig vorbeischauen können, sprechen Sie mit allen, die Kontakt zu Ihrem Angehörigen haben, ab, worauf sie achten sollen. 

Nicht zuletzt: Auch Sie als pflegender Angehöriger sind der Hitze ausgesetzt und brauchen ausreichend Flüssigkeit, Pausen und Erholung. Wer selbst erschöpft ist, kann die Signale beim Angehörigen leichter übersehen. Wenn Sie merken, dass Ihnen die Pflegesituation gerade – Hitze hin oder her – über den Kopf wächst, ist es wichtig, Unterstützung zu nutzen. Denn, nur wenn es Ihnen gut geht, können Sie sich auch gut um andere kümmern. 

 

famPlus- Angebot

Sie haben eine spezifische Frage zum Thema Pflege, auch zu Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für belastende Phasen? Dann können Sie die Pflegeberatung von famPlus nutzen. Sie können sie unter 089/8099027-00 jederzeit erreichen. Die kostenfreie Fachberatung steht allen Mitarbeitenden der famPlus-Kooperationspartner zur Verfügung. 

 

Noch mehr Informationen zum Thema Hitzeschutz finden sie auch in der Episode „Hitzeschutz im Alter und bei Pflegebedürftigkeit“ des famPlus-Podcasts „Leben und Beruf. Kompetent in Balance

https://www.podcast.de/episode/636751988/hitzeschutz-im-alter-und-bei-pflegebeduerftigkeit

 

Quellen:

Interview Dr. Julia Hellmann

 

https://www.zqp.de/thema/hitze-und-pflege/

 

https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Neuigkeiten-und-Presse/Meldungen-PM/Meldungen/2026-07-09_WB-Hitzemortalitaet.html

 

https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12706679/

 

https://cdn.lmu-klinikum.de/313c233eaa8de7bf/2dc01337e331/LMU_ab-65-Jahren_v2.pdf